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Das Armenwesen

Dasselbe oblag in erster Linie den Nachbarschaften (Bürgergemeinden) und war auf die Unterstützung der eigenen Bürger ausgerichtet. Ein Beschluss aus dem Jahre 1859 besagt: „Sofern einer armengenössig wird, soll er der „Rod“ nach je zwei Tage von jedem verköstigt werden“ (von jedem bedeutet von jedem Haushalt. Gewiss war demjenigen, der auf die „Rod“ gehen musste, ein recht erniedrigendes Los beschieden. Der letzte „Rodgänger“ in unserem Dorfe starb betagt vor hundert Jahren.

Die beschriebene Art der Fürsorge war allgemein verbreitet. Andeer zählte um die Mitte des Letzten Jahrhunderts 45 Bürgerfamilien und sofern ein Dorfbürger vom Schicksal „verdammt“ wurde auf die „Rod“ zu gehen (die Runde zu machen), so traf es jede Familie, den Armengenössigen 8 Tage im Jahre an ihrem Tisch zu haben. Dies war eine tragbare Belastung, zumal selten einer auf die Rod gehen musste. Dies hatte seinen Grund darin, weil ja die Verwandten des Armengenössigen da waren, um ihm beizustehen, wobei der Kreis der Verwandtschaft bekanntlich recht weit gezogen wurde. Waisenkindern hatten die Paten die notwendige Hilfe zu leisten und nötigenfalls in ihr Haus aufzunehmen.[i]

Die Armenfonds

Der Gedanke solche anzulegen, fand immer mehr Verbreitung. Derjenige von Andeer geht auf das Jahr 1811 zurück, als das „Schorschische Haus“ dafür 250 Gulden stiftete.[ii] Diese Vergabung bildete den Grundstock des bürgerlichen Armenfonds, dessen Stand heute bei 50’000 Fr. liegt.

Der „Kleine Rat“ (heute Regierungsrat) legte allen Gemeinden nahe, Armenfonds anzulegen und diese tunlichst zu mehren. Diese Anregung konnte aber nicht allenthalben in die Tat umgesetzt werden. Dies geht aus der Stellungnahme von Ausserferrera hervor, die recht selbstbewusst tönt:

„Ferrera, den10. April 1839.

Hochgeehrtester Kleiner Rat.

Wir zeigen mit dieser Zuschrift an, dass in unserer Nachbarschaft es keine Bettler gibt, die Almosen sammeln und auch haben wir nicht eine Haushaltung, die andern Familien zur Last kommt, wenn schon im Ganzen keine grossen Vermögen vorhanden sind in unserem wilden Tale. Unser Lüt, so arm sie auch sind, schämen zu betteln und andern Lüten ihr Brod abzufordern. Wir händ auch darum kein Capital für die Armen (gemeint Armenfonds) und so lang als kein Mensch von unsern Inwohnern belastet wird, glauben wir, es brauche auch nicht solche Capitalien.

Wir sind mit Achtung und herzlichen Grüssen von Ihnen hochverehrte Herren, getreue Diener.

Das Armenhaus in Andeer


Im Jahre 1862 wurde der Gemeinde ein halbes Haus mit Stall in der „Cazeta“ zu einem jährlichen Mietzins von 12 Franken angetragen. Allem Anschein war die fragliche Baute ungeeignet und sogar baufällig. Jedenfalls erwarb die Gemeinde kurz danach einen Hausteil im Oberdorf, welcher 1895 wieder verkauft wurde, nachdem er einige Jahrzehnte als Armenhaus gedient hatte.

Früher gab es natürlich nicht die Vielzahl an wohltätigen Institutionen, wie wir sie heute kennen. Dies will aber keineswegs heissen, dass nicht doch sehr oft geholfen wurde. Die Gemeinde beschloss an allen Festtagen in der Kirche, Spenden zu sammeln, die man „Liebessteuer“ nannte. Die Erträgnisse dieser Sammlungen wurden eingestzt, um nötigenfalls bei Katastrophenfälle auch ausserhalb der engeren Heimat tatkräftig helfend eingreifen zu können.



[i] In früheren Zeiten waren die meisten Familien an fremde, nicht zur Familie gehörende, Tischgänger gewöhnt. Die verschiedenen Hirten mussten verköstigt werden, ebenso Handwerker, die auf die "Stör" kamen. Auch Lehrer und Pfarrer wurden wenigstens einmal im Jahre von den bessergestellten Familien zu einem guten Mittagessen eingeladen.

[ii] Als Förderer oder sogar Initiant sowohl des Armen- wie des Schulfonds gilt Pfr. Matli Conrad.