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Die Herrschaftsverhältnisse unter dem Bistum Chur.
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Andeer und die Bärenburg

Im Süden von Andeer in beherrschender Lage auf einer Felskuppe stand einst die Bärenburg. Die mächtige Anlage blickte als Wahrzeichen der herrschaftlichen Gewalt selbstsicher ins freundliche Schamsertal.

Diese Talburg diente zur Sicherung des Passweges, des Herrschaftsgebietes aber auch zum Schutz der Talbewohner. Hinter ihren Mauern fanden die Dörfler bei feindlichen Einfällen einen sicheren Fluchtort. Hier hauste der Vogt als Vertreter der Feudalherren. Er sprach Recht, sorgte für Ruhe und Ordnung, zog Abgaben ein, überwachte die Frondienste und betreute mit seinem Gesinde die Bewirtschaftung der zur Burg gehörenden Eigengüter.


Die Herrschaftsverhältnisse in Rätien im 15 Jh.
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Die Grafen Wilhelm und Jürg von Sargans waren die Feudalherren, welche Schams vom Bistum Chur als Erblichen hatten. Das Verhältnis der Talbewohner zu den Feudalherren war seit längerer Zeit ein gestörtes und führte 1451 zum Schamserkrieg.

Um im Alleingang gegen die aufrührerischen Schamser vorzugehen, waren die Grafen nicht stark genug und suchten deshalb Unterstützung bei Gleichgesinnten aus dem Adelsstande. Zusammen mit diesen schlossen sie den „Schwarzen Bund“.

Der führende Kopf des Unternehmens war Hans von Rechberg [i], Schwager der Grafen von Sargans. Rechberg war ein gefürchteter Haudegen, rachsüchtig und verschlagen, ein erbitterter Feind der Eidgenossen, der die Städter hasste und die Bauern verachtete. Aber auch dieser gewiegte Stratege konnte den sich abzeichnenden geschichtlichen Werdegang nicht mehr aufhalten.

Zwar gelang es dem „Schwarzen Bund“ durch einen Handstreich die Schamser niederzuwerfen. Als jedoch hilfsbereite Kriegshaufen aus den benachbarten Tälern herbeieilten, erhoben sich die Talbewohner erneut und mit vereinten Kräften wurden die Eindringlinge niedergemacht oder vertrieben. Die Bärenburg und andere Festungen gingen in Flammen auf.

Das Ende des Krieges war für den „Schwarzen Bund“ ein klägliches. Hans von Rechberg, der zeitweilig auf der Bärenburg gehaust haben mag, konnte sich rechtzeitig absetzen, nicht so sein Stellvertreter, welcher gemäss Überlieferung unterhalb des Maiensässes „Bagnusch“ an der nach ihm später genannten „Pitschogna digl Duno“ eingeholt und erschlagen wurde. [ii]

Ein ähnliches Schicksal erreichte dann auch Hans von Rechberg in seiner eigenen Heimat. Im Jahre 1464 anlässlich einer kriegerischen Auseinandersetzung wurde er - wie die im Volk verankerte Erzählung zu berichten weiss - durch den Pfeil eines Bauern verletzt. Ohne sich über Schmerzen zu beklagen, verschied der Ritter im Hause eines Stadtbürgers von Villingen, wohin der verwundete Rechberg gebracht worden war. Sterbend soll er seinen gewohnten Ausdruck „Hosta Madosta“ gemurmelt haben. Ob diese Darstellung dem tatsächlichen Ablauf der Dinge entspricht oder nicht, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls liegt in ihr ein tieferer Sinn verborgen, indem sie den aussichtslosen Kampf des Rittertums gegen die aufstrebenden Bürger und Bauern veranschaulicht.

Noch ein Wort über das Ende des einst mächtigen Grafen Jürg von Sargans. Als verarmter Feudalherr fristete er sein Leben auf seinem Stammschloss, wo er 1504 im Alter von 79 Jahren das Zeitliche segnete. Er wurde in voller Ritterrüstung und mit allen Ehren im Chor der Stadtkirche von Sargans beigesetzt. [iii]

Der Schamserkrieg war der wichtigste Waffengang in der Geschichte unseres Tales, zumal als Folge desselben nach etlichen Jahren die herrschaftlichen Rechte durch Loskauf beseitigt werden konnten.[iv] Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass die „Freie Gemeinde am Schamserberg“ die führende Kraft im Freiheitskampfe gewesen war.

Innerhalb des Grauen Bundes stieg Schams zur freien Gerichtsgemeinde empor. Aus dieser entwickelten sich die politischen Gemeinden im heutigen Sinne. Andeer - noch vor wenigen Jahrhunderten eine unbedeutende Nachbarschaft - wurde zur stärksten Ortschaft zwischen Rofla- und Viamalaschlucht.[v]

Heute mögen wir bedauern, dass von der stolzen Warte, nämlich von der Bärenburg, nur dürftige Mauerreste Zeugnis ablegen. Der Name „Bärenburg“ bezeichnet heute auch den nahe der einstigen Burg gelegenen Weiler. Der Name wurde der romanischen Zunge angepasst und lautet „Balamburtg“. Dieser Weiler bildet seit jeher einen Teil von Andeer.[vi]



[i] Vergl. "Hans von Rechberg von Hohenrechberg, ein Zeit- und Lebensbild" von Dr.phil.Erhard Waldemar Kanter 1903.

Die Ruinen dieses im Jahre 1865 durch Blitzschlag eingeäscherten Stammsitzes, die Hohenrechberg, blicken auch heute noch ins liebliche Schwabenland hinaus. Wenn ein geschichtskundiger Schamser in jene Gegend gelangt, werden seine Gedanken in die Zeiten zurückschweifen, als der damalige Schlossherr vor mehr als 500 Jahren im weit abgelegenen Schamsertal sich massgeblich kriegerisch betätigte.

[ii] In der Nähe, "Punteglias" genannt, befindet sich eine Gletschermühle.

[iii] Die heutigen Geschichtsschreiber beurteilen das politische Wirken des letzten Grafen weit wohlwollender und bezeugen, dass es ihm zu verdanken sei, dass das Sarganserland eidgenössisch und nicht österreichisch wurde.

[iv] Im Jahre 1958 wurde des Schamserkrieges und des Loskaufs mit einem Fest gebührend gedacht. Damals erschien auch das Heimatbuch Schams von Dr. B. Mani und Mitarbeitern.

[v] Vergl. auch Georg Ragaz "Die Entstehung der politischen Gemeinden im Schamsertal." Diss. der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich 1934. Sodann der "Neue Sammler" Jahr 1804: Beschreibung des Schamsertales von Pfr. M. Conrad. Daselbst steht zu lesen: "Zu den besonderen Gebräuchen der Schamser gehört es, dass dem weiblichen Geschlecht der Vorgang bei dem Kirchgang gestattet wird. Man glaubt zum Andenken der Tapferkeit, die es in irgendeinem älteren Kriegsvorfall bewiesen hat." (Während des Schamserkrieges sollen die Frauen eine feindliche Abteilung in der Viamala aufgehalten und zurückgedrängt haben. Dies geschah wohl durch Errichtung einer Wegsperre und das Herabrollen von Steinen auf die Eindringlinge.)

[vi] Der Name "Bärenburg" in romanischen Landen ist dem Umstand zuzuschreiben, dass viele Burgen und Schlösser deutschen Adligen gehörten und diese Namen in ihrer Sprache bevorzugten.