Die Hochwasser

Die beiden Hochwasser der Jahre 1834 und 1868 blieben hartnäckig im Gedächtnis unserer Vorfahren haften. Katastrophen dieser Art hatten sich freilich schon früher von Zeit zu Zeit ereignet. Gemäss Chronisten soll der Rhein in der Zeit vom 28. bis 30. Juni 1762 alle Brücken von Andeer bis Bad Ragaz mitgerissen haben. Dieser Bericht ist aber insofern ungenau, als die zwei bereits 1738/39, hoch über den Rhein in der Viamalaschlucht erbauten Brücken, verschont blieben.


Auf diesem Ausschnit von einem Stich von ca 1825 sieht man den Verlauf des Rheins vor dem grossen Hochwasser. Man kann die Insel sehen und die Häuser im Oberdorf grenzen an den Rhein.

Für unser Dorf war wohl das schlimmste Hochwasser dasjenige des Jahres 1834. Pfarrer Julius Lutta erwähnt die Geschehnisse wie folgt: „1834, den 27. August, zog sich ein ‚schweres Ungewitter vom Gotthard her über das Oberland, Misox und Calanca, die Gegenden vom Hinterrhein bis gegen das Tirol hin und entlud sich wolkenbruchartig mit furchtbaren Folgen, die besonders unsere Gemeinde schwer trafen. Der Rhein, der früher in zwei Armen geteilt, eine schöne Insel mit Gärten und Wiesen am oberen Ende des Dorfes bildete, schwoll durch die von allen Bergen und Höhen herunterstürzenden Gewässer und Rüfen zu einer ungeheuren, sich nur noch fortwälzenden Masse, die jene Insel samt allen nahe liegenden Gebäulichkeiten, wie Säge, Mühle und Gerberei wegschwemmte, ebenso die alte auf einen Kasten ruhende Rheinbrücke.


Dieser Ausschnitt aus einem Stich von ca 1860. Zeigt die verheerenden Schäden nach der Überschwemmung von 1834.

Die ganze Fläche jenseits des Rheins bis zum Fuss des Berges und auch die Fluren unterhalb des Dorfes standen unter Wasser. Um die Schäden zu mildern, wurde in den nahe liegenden Teilen der Schweiz über eine Zusatzbesteuerung Geld gesammelt, wovon unsere Gemeinde 3’000. Gulden zuteil wurden. 1’300 Gulden davon bekam das Haus Fravi für den Verlust der Insel (damals „Pluschagn“ genannt), mit der Bedingung der Verzichtserklärung auf dieses Gebiet.

In einem Schüleraufsatz steht in Bezug auf das Hochwasser zu lesen: „Im Jahre 1834 war der Rhein durch den anhaltenden Regen so angeschwollen, dass das Dorf in die grösste Gefahr geriet. Ein Haus, eine Mühle mit einer Säge, eine Wasserschmiede und eine Brücke wurden nebst der schönen und ersten Rheininsel ein Spielball der reissenden Wellen. Ein anderes Haus, welches dem Wellengang preisgegeben war, widerstand ihrem Andrang nicht nur dieses Mal, sondern auch noch 1838 und 1840 und stürzte erst 1842 zusammen, in welchem Jahr auch ein neu aufgerichtetes Wuhr weggerissen wurde.“[i]

Auf alten Stichen ist die erwähnte Insel erkennbar und ebenso die Gebäulichkeiten, die dort standen. In einem Hause, das weggerissen wurde, wohnten zwei taubstumme Schwestern. Noch rechtzeitig konnten diese mittels Seilen über das Wasser gezogen und gerettet werden. Wenige Minuten darauf riss der Rhein ihr Haus weg,mitsamt der Katze, die auf dem Fensterbrett vergeblich auf Rettung gewartet hatte. [ii]

Andeer büsste in jenen schicksalsschweren Tagen mehrere Hektaren gutes Kulturland unterhalb des Dorfes bei „Canias“ ein.

Der Rhein, der früher weiter westlich neben dem „Crap Cotschen“ vorbeifloss, änderte. seinen Lauf. Seine gefrässigen Fluten bahnten sich einen Weg durch „Canias“, wo sein Flussbett noch heute ist.

In der Viamala und in der Rofla wurde die Landstrasse streckenweise weggeschwemmt. Sie musste mancherorts verlegt und einzelne Brücken neu gebaut werden. Diese Arbeiten bedingten einen längeren Unterbruch des Fahrverkehrs.

Nach diesem verheerenden Hochwasser fühlten sich die Talbewohner - vornehmlich Andeerer und Zilliser - stets bedroht. Der Ruf nach stärkeren Wehrbauten wurde immer lauter. Umsichtig und keine Opfer scheuend setzte sich unser Dorf an die Verwirklichung der Bewuhrung. Im Gemeinwerk wurde die meiste Arbeit geleistet. Die Rheindämme hielten aber den folgenden Hochwasser gar nicht oder ungenügend Stand, z.B. auch nicht das Wuhr, das mit grossen Kosten nach Anleitung von Obrist La Nicca erstellt wurde. Ein Teil davon wurde bald stark beschädigt, konnte aber in Stand gestellt, verlängert und verstärkt werden. Mit staatlicher Unterstützung entstand dann der wirklich widerstandsfähige Rheindamm beim Oberdorf, wo die Überschwemmungsgefahr seit eh und je die grösste gewesen war. Erbaut wurde dieses Wuhr 1868 als Florin Dettli Dorfmeister war.

Wieder Hochwasser

Nach drei Jahrzehnten „relativer Ruhe“ versetzte der Rhein am 28. Sept. 1868 erneut die Einwohnerschaft von Andeer und auch anderswo in Angst und Schrecken. Wie bereits angedeutet, hielt das längs des Oberdorfes gezogene Wuhr Stand. Unter der Leitung von alt Dorfmeister Christ Joos wurden grosse Felsbrocken von „Pro Bataglia“ und „Sutmunts“ heruntergeschafft und die bestehende Eindämmung des Rheins verstärkt und beidseitig verlängert. Dies war notwendig geworden, weil die gefrässigen Fluten oberhalb des Dorfes eine grosse Bucht ausgehöhlt hatten und das Oberdorf zu verschlingen drohten.

Ein ansehnlicher bis ein Meter hoher Wasserstrom floss die Dorfstrasse hinunter und wandte sich dann zwischen den heutigen Häusern Wildberger und Cerletti wieder dem Rheine zu. Mehrere Häuser waren derart in Gefahr gewesen, dass in aller Eile Tannen gefällt und herbeigeschafft werden mussten, um mit diesen die Hausmauern schützen zu können.

Der grösste Wasserschaden war im „Bad“ entstanden, also ausserhalb des Dorfgebietes von Andeer, wo die dortige Rheinbrücke als einzige befahrbare Verbindung nach Clugin weggerissen worden war.

Hochwasserjahre neueren Datums waren 1911, 1927 und 1954. Die Schäden hielten sich aber bei uns in Grenzen. Nach dem Hochwasser von 1927 wurde in „Canias“ ein zusätzlicher Rheindamm mit einem Kostenaufwand von 40’000. Fr. errichtet, ausgeführt von Bauunternehmer Luigi Premoli von Zillis. Die Steine zur Wuhrung wurden an der „Tschera“ gebrochen und auf Schienen bis zur Baustelle transportiert. Ob die Gefahr von Überschwemmungen infolge der Stauseen gebannt worden ist, kann nicht mit Sicherheit bejaht werden. Die Seen mögen regulierende Wirkung haben, sofern sie beim Einsetzen verheerender Niederschläge noch nicht aufgefüllt sind.

Jedenfalls wird die Gemeinde gut beraten sein, wenn sie die Verbauungen längs des Rheins in gutem Zustande erhält. Auch die Ausbaggerung des Rheinbettes dürfte an mancher Stelle angebracht sein, um dadurch den Fluten des Flusses auch bei hoher Wasserführung einen geordneten Lauf zu gewährleisten.



[i] Von meinem Grossvater Leonhard Ragaz, Seminarist in Chur 1848.

[ii] Aus der Geschichte der Insel ist bekannt, dass sie ursprünglich der Gemeinde gehörte und durch Kauf an Pfr. Ludwig Molitor gelangte und zwar im Jahre 1709. Der bezahlte Preis betrug 1000 Gulden. Später gelangte die Insel ohne aber die erwähnten Gebäulichkeiten an die Familie Fravi.

Der totale durch das Hochwasser 1834 angerichtete Schaden in Andeer wurde auf einen Betrag von 36’184 Gulden beziffert, hievon entfielen auf Partikulare 32’390 und auf die Gemeinde für die weggerissene Brücke und für Schäden an den Wuhren 3’794 Gulden. Es wurden 29 hilfsbedürftige Familien angeführt.