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Das Schulwesen

Von einem geordneten und einigermassen befriedigenden Schulwesen kann in Andeer wohl erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts gesprochen werden. √úber die fr√ľheren Schulverh√§ltnisse sind wir sp√§rlich unterrichtet. Bekanntlich waren seit der Reformation in erster Linie die Pfarrer beauftragt, die Kinder zu unterrichten.

Ein Schriftst√ľck aus dem Jahre 1702 vermittelt eine Nachricht √ľber eine Schule in unserem Dorfe. Pfarrer Blasius Sereina von Berg√ľn soll in Andeer und den beiden Ferreras als Pfarrer walten und in Andeer eine Schule gr√ľnden. Die j√§hrliche Dauer der Schule wird auf sechs Monate beschr√§nkt und der t√§gliche Unterricht auf drei bis vier Stunden. Wohl hat der genannte Pfarrer die neue Pfarrei der beiden Ferreras √ľbernommen, nicht aber jene von Andeer.[i] Ob er aber hier trotzdem die Kinder unterrichtete, ist zweifelhaft.

Die Gemeinde selbst trug an die Unkosten der Schule nichts bei. Dies war Sache der Eltern, welche auch f√ľr eine geeignete Schulstube zu sorgen hatten. Erst ab 1772 √ľbernahm die Gemeinde wenigstens den Einzug der Schultaxen von den Eltern und die Lehrer wurden von dieser l√§stigen Aufgabe befreit. Seit jenem Jahre amteten zwei Schulmeister im Dorfe und zw√∂lf Jahre sp√§ter besoldete die Gemeinde die Lehrer. 1831 wurde die t√§gliche Unterrichtsdauer von 8 bis 11 Uhr vormittags und von 1 bis 4 Uhr nachmittags angesetzt, und so blieb es bis vor wenigen Jahren. Die Halbjahresschule begann im Sp√§therbst und endete gew√∂hnlich an Ostern. Es kam deshalb nicht selten vor, dass die Schulzeit nur f√ľnf statt sechs Monate betrug.

Vom Lehrer wurde verlangt, dass er eine laute Stimme habe, gut singen, einigermassen lesen und schreiben und die Kinder in Zucht halten konnte. Da es damals nicht gen√ľgend Schulfibeln gab, nahmen viele Sch√ľler irgend ein Buch von zuhause mit. Meist wurden nur die Titelseiten herausgerissen und mitgenommen, weil diese bekanntlich mit besonders grossen Buchstaben beschrieben sind. Deshalb fehlen bei vielen B√ľchern die Titelseiten, was von den Sammlern alter Drucke nicht unbedingt gesch√§tzt wird.

Dass der Lehrer oft zum Stock und anderen Z√ľchtigungsmitteln griff, ist hinreichend bekannt.

Das Lernen bestand im auswendig Herplappern von Chorälen, von Geboten und Verboten aus dem Katechismus. Lesen bedeutete in der Regel lediglich eine Druckschrift entziffern zu können. Grosse Bedeutung wurde dem Singen beigemessen, um in erster Linie in der Kirche wacker mitsingen zu können. In der Schule wurde täglich gesungen und auch in der Kinderlehre, an welcher alle Schulkinder teilzunehmen hatten. In mancher Gemeinde hat sich von jenen fernen Zeiten bis auf den heutigen Tag die Freude am Gesang lebendig erhalten.

Trotz der d√ľrftigen Ausbildung best√§tigen die Geschichtsschreiber, dass viele M√§nner in unseren D√∂rfern ihren Namen schreiben und etwas lesen konnten. M√§dchen wurden eher ausnahmsweise zum Schulbesuch angehalten.



[i] Pfr. Bereina war in Ausser- und Innerferrera angestellt und zwar von 1702 bis 1704. In Andeer war zu dieser Zeit " Ludwig Molitor als Pfarrer tätig. Es ist deshalb unklar, weshalb während der Amtszeit desselben auch Pfr. Sereina von Andeer als Seelsorger gewählt wurde und weshalb er die Stelle nicht belegte.