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Geschichte > Der Weg zur politischen Gemeinde

Von der Nachbarschaft zur politischen Gemeinde

Wie war der Aufbau und die Verwaltung der Nachbarschaft? Ihr Aufgabenkreis deckte sich weitgehend mit demjenigen der heutigen Gemeinde. Die Versammlung der „Nachpuren“ ( tier vaschegns), also der Gemeindebürger, war die höchste Instanz. Ihre Tagungen fanden auf dem Dorfplatz „Plaz Burtgas“ statt und zwar in der Regel am frühen Sonntagnachmittag. Die Verlegung dieser Zusammenkünfte ins Schulhaus erfolgte 1851.

Obwohl das Aufgebot zur Gemeindeversammlung jeweils am Schluss des Gottesdienstes erfolgte, wo auch andere Mitteilungen von Bedeutung für die Einwohnerschaft bekannt gemacht wurden, mahnte am Nachmittag kurz vor Beginn der „Nachpurversammlung“ eine Kirchenglocke nochmals die Stimmbürger an die Erfüllung ihrer Pflichten.

Alle männlichen Bürger vom 16. bis zum 70. Altersjahr waren zur Teilnahme an den Versammlungen verpflichtet, zeitweilig unter Bussandrohnung von 20 Rappen im Unterlassungsfalle. Im Gegensatz zu heute fanden jährlich bis 30 und mehr Versammlungen statt, wobei aber meist nur ein Traktandum behandelt wurde.

Die Verhandlungen wurden auf romanisch, der Umgangssprache der Bevölkerung geführt, die Protokolle hingegen auf deutsch abgefasst, aber nicht auf deutsch, sondern nur auf romanisch bekannt gemacht.

Am 12. Januar 1917 wurde in einer schwach besuchten Gemeindeversammlung darüber abgestimmt, ob die Verhandlungen inskünftig auf deutsch oder romanisch geführt werden sollten.

Mit 11 gegen 10 Stimmen fiel der Beschluss zu Gunsten der deutschen Sprache. Dieser beschämende Entscheid, obwohl nachträglich etwas abgeschwächt, hat die Verdrängung der angestammten, alten Volkssprache in unserem Dorfe mitverschuldet.

Vom Jahre 1843 an erfolgten die öffentlichen Mitteilungen zusätzlich am schwarzen Brett. Später, ab 1861, übernahm der Dorfweibel, der von Haus zu Haus ging, zeitweilig diese Aufgabe. Heute ist das „Amtsblatt für Mittelbünden“ an seine Stelle getreten.

Wahlen und Abstimmungen wurden mit Handmehr, also offen, durchgeführt. Allmählich setzte sich aber die Urabstimmung durch. [i]

Wenn in der neuesten Gemeindeverfassung von diesem Grundsatz wieder teilweise abgewichen wird, ist das bedauerlich. Bei einer schriftliche Abstimmung kommt der Wählerwille besser zum Ausdruck.



[i] Im Jahre 1889 hatten die Schamsergemeinden zu befinden, ob zukünftig die Geschäfte an der Landsgemeinde offen oder per Skrutinium zu erledigen seien. Für Andeer lautete das Ergebnis 59 für geheime Abstimmung und nur eine Stimme dagegen. Ähnlich fiel der Entscheid in den meisten Gemeinden des Tales aus.