Andeer: Andeer: Im Spiegel der Zeit Im Spiegel der Zeit
Geschichte > Ein romanisches Bauerndorf


Im Unterdorf das Haus Salis. Das Tor dient sowohl als Haustüre wie auch als Eingang zum angebauten Heustall, eine bei uns früher verbreitete Bauart.

Ein romanisches Bauerndorf

Dem Besucher, der sich näher umsieht, mag es kaum glaubhaft vorkommen, dass Andeer noch vor wenigen Jahrzehnten ein Bauerndorf mit einer romanisch sprechenden Bevölkerung war, heute aber nicht mehr.

Wohl brachten der Durchstich der Viamala, (1473) und namentlich der Bau der Passstrassen (1821/23) Veränderungen mit sich. Trotzdem blieb Andeer noch vor einem Mannesalter ohne namhafte Umstellungen.

Über das einstige Aussehen unseres Dorfes und seiner Umgebung ist nur Spärliches bekannt. Auch die heute so geschätzten alten Stiche reichen zeitlich nicht weit zurück und vermitteln im Allgemeinen das vertraute Dorfbild. Ihre Aussagekraft ist somit beschränkt.

Die Geschichte weiss zu berichten, dass das Bistum Chur Maierhöfe in Andeer besass, ebenso das Klosters Cazis und wohl auch die Herren von Vaz.[i] Diese Grosshöfe umfassten in der Regel eine Anzahl Behausungen und Ställe. Die Zinsleute dieser Höfe waren zu Abgaben verpflichtet, diese bestanden aus Korn, Käse, Bohnen, Tuch und anderen Erzeugnissen ihrer Arbeit.

Schlafstätte und Küche waren nicht unter demselben Dache untergebracht. Letztere, bei uns „tgadafia“ (Fürhus) genannt, weist auf die frühere Trennung hin. Die Küche war ein gemauerter Raum in welchem das offene Feuer brannte. An Ketten hingen über diesem die Kessel. Abends und namentlich während der kalten Jahreszeit hielten sich die Hausbewohner im „Fürhus“ auf und wärmten sich am offenen Feuer. In Alpen und Maiensässen war die getrennte Bauart ebenfalls verbreitet und blieb dort länger erhalten. Heute ist sie bei uns nicht mehr anzutreffen. [ii]

Um landwirtschaftlich nutzbaren Boden zu schonen, wurden Häuser und Ställe eng aneinander gebaut. Auch Wege und Gassen wurden aus dem gleichen Grunde schmal gehalten. Kraut- und Blaktengärten mögen in diesen Haufendörfern aber häufig anzutreffen gewesen sein.

Dass die Einwohner auf Selbstversorgung angewiesen waren, versteht sich von selbst. Das Dorf - Nachbarschaft (vaschinadi) genannt - und dessen Umgebung waren der Lebens - und Tätigkeitsraum der Dörfler. Sie besassen die alte Weisheit aller derer, die mit Grund und Boden verwachsen sind. Das Dorf war eine fest gefügte Einheit, in welcher die Familienzugehörigkeit und die nachbarlichen Beziehungen hoch gehalten wurden.

Das Dasein verlief in überlieferten Bahnen. Es war ein Ringen gegen Unwetter, Missernten, Krankheiten und manch andere Unbill. Ländliche Vergnügungen und religiöse Feste brachten den Einwohnern Abwechslung, Zerstreuung und inneren Halt.[iii]



[i] Urkunden aus dem Gemeindearchiv von Andeer aus den Jahren 1534, 1540 und 1580 weisen folgende Höfe auf, die möglicherweise teilweise identisch sein mögen: "Berta, Betten, Bargaunen und Burgionendorf“

[ii] Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts war die offene Feuerstelle noch fast allgemein verbreitet bei uns. Um den allzu grossen Holzverbrauch einzuschränken, entrichtete die Gemeinde Beiträge an Haushaltungen, die sich auf Kochherde umstellten.

[iii] Namentlich Frauen und Töchter verliessen höchst selten das eigene Dorfgebiet oder gar die Talschaft. Eine betagte Frau aus Ferrera berichtete, dass sie erstmals als bereits grosses Mädchen zur Landsgemeinde nach Donath gezogen sei. Sie und ihre Begleiterinnen seien aber am frühen Nachmittag, als die Sonne noch hoch am Himmel stand, wieder zu Hause gewesen.