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Eine Siedlung am Rhein

Bei vielen Städten ist ihre Entstehung bekannt nicht so bei den meisten Dörfern. Aus der Geschichte von Andeer sind die frühesten Zeiten weitgehend unklar und unerforscht. Auf die Spuren frühgeschichtlichen Geschehens weisen Grabfunde hin, sowie die „Schalensteine“ auf Bärenburg. Solche sind auf „Arsiert“ in der Nähe der Burgruine aber auch in der „Val Pardi“ entdeckt worden. Es handelt sich bei den Schalensteinen um runde Vertiefungen in einem Steinblock angebracht, die mit Rinnen verbunden sind. Bedeutung und Alter dieser Kultstätten harren noch der Deutung.

Aus der Römerzeit liegen Münzfunde vor. Ob die Römeranlage „Lapidaria“ auf Gebiet der heutigen Gemeinde Andeer oder ausserhalb davon zu suchen ist, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Tatsache ist, dass der Name „Lapidaria“ irgendetwas mit Steinen zu tun hat: Lapis = Stein und daraus folgt lapidarius, lapidaria, lapidarium – „zum Stein gehörend.“


Die Ortschaft Lapidaria, auf einm Geschichtsatlas aus dem Jahre 1844. Der Name Lapidaria wurde auf der sogenannten Peutinger Karte (Eine Routenkarte aus dem 4 Jh AD) gefunden, was hier wiedergegeben wurde.

Urkundlich taucht der Ortsname Andeer im 13.Jahrhundert auf, wobei die Schreibweise sonderbar genug vorkommen mag: Anders, Andaere, Andair und sogar Andru!

Als kirchlicher Mittelpunkt und gleichzeitig Hauptort des Schams galt Zillis (Ziran). Andeer war während einer längeren Zeitspanne eine unbedeutende Siedlung. Die Kunde ist lebendig geblieben, dass es einst kleiner als Pignia gewesen sei.[i]

In der Regel geschah die Standortwahl für eine Siedlung nicht planlos, sondern wurde sorgfältig geprüft. Die Örtlichkeit musste sicher vor Lawinen, Rüfen und Hochwasser sein. Wichtig war das Vorhandensein von Trinkwasser und eines genügend starken Wasserlaufes für den Antrieb von Wasserrädern.

Da die Siedler auf Selbstversorgung angewiesen waren, wurde ein besonderes Augenmerk auf die Rodungsmöglichkeiten für Acker- Wies- und Weideland gerichtet.

Das Vorhandensein grosser Waldflächen war lebenswichtig, aber hiefür hatte die Natur allenthalben gesorgt.

Wurde nun der Standort für das Dorf Andeer in der unmittelbaren Nähe des Rheins unüberlegt und leichtfertig gewählt? Diese Frage mag sich schon mancher gestellt haben. Im Schamserbuch ist hierüber zu lesen: „Einzig bei Andeer haben die Siedler angesichts des guten Bodens und der günstigen Verkehrslage die Gefährdung durch den Rhein in Kauf genommen.“ [ii]

Diese Darlegung ist nicht überzeugend und auch widerlegbar. Ohne die Verkehrslage zu beeinträchtigen, hätte das Dorf auf dem sanft abfallenden und gesicherten Hang von „Survis“ angelegt werden können, also auf ein etwas höher gelegenes Gelände. Ob dadurch mehr Kulturland verloren gegangen wäre, kann heute wohl kaum bejaht oder verneint werden. Die topographischen Verhältnisse von damals sind nicht genügend bekennt.

Auch der Umstand, dass Mühlen und andere auf die Wasserkraft des Rheins angewiesene Anlagen an den Ufern desselben erstellt werden mussten, konnte kein zwingender Grund dafür sein, das ganze Dorf in eine Gefahrenzone zu erbauen. Wasserwerke standen ja sehr oft ausserhalb der Dorfsiedlung, sogar an abgelegenen Orten.

Weshalb bauten also unsere Altvordern ausgerechnet in unmittelbarer Nähe des Rheins? Lassen wir die Volksüberlieferung zu Worte kommen, die bekanntlich einen langen Atem hat.

Von Geschlecht zu Geschlecht bis auf unsere Tage hat sich die Kunde erhalten, dass der Rhein einstens ein grösserer, aber harmloser Bach gewesen sei. Überschwemmungen seien unbekannt gewesen, und deshalb war es auch kein Wagnis, sich an seinen Ufern anzusiedeln.

Diese Darstellung mag weitgehend richtig sein. Die beiden südlich des Schams gelegenen Hochtäler Rheinwald und Avers waren fast ganz bewaldet und nur schwach besiedelt. Leute aus dem Avers wissen zu berichten, dass der Wald bis zur Höhe des Stallerberges hinaufreichte. Die Geschichtsschreiber bestätigen, dass der Waldgürtel in unseren Gegenden weit höher hinaufreichte als heutzutage und dass sich unermessliche Baumregionen bis weit ins Gebirge ausdehnten und zwar in dichten Beständen.

Leider wurden diese Wälder im Avers und Rheinwald gerodet. Dafür ausschlaggebend war wohl die Besiedlung durch die Walser und der Bedarf an Holz für Alpwirtschaft und Bergbau. Der einmal gefällte Wald konnte sich auf dieser Meereshöhe nicht mehr regenerieren; dafür mag auch eine generelle Klimaverschlechterung, die im späteren Mittelalter in ganz Europa beobachtet wurde, eine Rolle gespielt haben. So ist heute die Waldgrenze um einiges tiefer als dies früher der Fall war.

Dies brachte den Wasserhaushalt der Natur aus dem Gleichgewicht, denn bekanntlich können Wälder riesige Wassermengen zurückhalten. Der fehlende Wald in einer niederschlagsreichen Gegend führte nun aber zu einer früher nicht gekannten Hochwassergefahr in den tiefer gelegenen Tälern.[iii] [iv]



[i] Vergl. Giachen Conrad, Andeer/Chur, Bündner Monatsblatt Nr. 3/4 1955, S. 126 ff. "Von der Fehde Chur-Como und den Friedensschlüssen zwischen den Schamsern und Cläfnern in den Jahre 1219 und 1428." Auf Grund der Vertreterzahl, die jeder Gemeinde bei der Unter­zeichnung des Friedensvertrages von 1219 zustand und welche wohl nach der Einwohnerzahl und Bedeutung eines jeden Dorfes festge­setzt wurde, berechnet Conrad für Zillis ungefähr 200 bis 300 Einwohner (drei Vertreter), für Pignia 150 Einwohner (zwei Vertreter) und für Andeer 70 bis 100 Einwohner (ein Vertreter). Pignia wäre demnach etwa doppelt so stark bevölkert gewesen als Andeer.

[ii] Heimatbuch Schams v. Dr.B.Mani. S. 417 "Dorf und Kirche."

[iii] Durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge: Andeer 106 cm, Sufers 121 cm, Splügen 149 cm und Hinterrhein sogar 172 cm.

[iv] Vergl. "Bündner Post" vom 11.Nov. 1978. "Der Wildbach und die Aufforstung Nolla" von Jürg Barandun, Kreisförster, Thusis. "Ursprünglich war der ganze Heinzenberg mit einer dichten Walddecke überzogen. Im Mittelalter, besonders auch bei der Einwanderung der Walser aus dem Safiental, wurde der Wald durch die Siedler allmählich zu Gunsten von 'Wiesen, Maiensässen, Almenden und Alpen abgeholzt und so bis auf wenige Reste zurückgedrängt. Dies hatte verheerende Folgen. Der Nolla wurde zu einem der gefährlichsten Wildbäche der Alpen“.